Deutsch lernen mit allen Sinnen

„Dobar tek!“ (kroatisch) heißt hier „Guten Appetit!“


Seit letztem Schuljahr gehört zur Friedrich-List-Gemeinschaftsschule (FLGMS) auch eine VKL (Vorbereitungsklasse). In dieser Klasse befinden sich Kinder verschiedenen Alters mit dem Ziel, so schnell wie möglich Deutsch zu lernen, um dann in eine Regelklasse der FLGMS oder der Berufsschule integriert zu werden.

Im letzten Jahr waren dies hauptsächlich außereuropäische Flüchtlingskinder wie beispielsweise aus Syrien, Afghanistan und Somalia. Die Sprachschwierigkeiten waren nicht die einzige Herausforderung, die den Lehrern und Schülern zu schaffen machte. Problematisch war vielmehr die Tatsache, dass diese Kinder bedingt durch Krieg und Flucht mit der Struktur von Schule überhaupt nicht vertraut waren. In diesem Schuljahr besteht die VKL aus momentan 11 Kindern im Alter zwischen 9 und 15 Jahren mit ost- und südosteuropäischer Herkunft, deren Eltern allesamt in Deutschland in Pflegeberufen tätig sind. Das System Schule ist ihnen bekannt, unsere Sprache noch nicht.

Kochen VKL 2
Auf dem Stundenplan steht, wie vom Kultusministerium vorgegeben, von Montag bis Freitag von der 2.-5. Stunde ausschließlich das Fach DEUTSCH – kein Sport, keine Musik, keine Bildenden Kunst usw. Ein Manko, wie Lehrerin Melanie Nill bereits im vergangenen Schuljahr in einigen Vertretungsstunden auffiel. Es fehlte die Abwechslung, es fehlt ein Lernen mit Kopf, Herz und eben auch Hand.

Kochen VKL 3
Für das jetzige Schuljahr wünschte sich Nill daher Deputatsstunden in der VKL, um den starren Schulalltag dieser Schüler zumindest einmal in der Woche etwas aufzubrechen. Nill, selbst keine Deutschlehrerin, unterrichtet auf der FLGMS unter anderem das Wahlpflichtfach Mensch und Umwelt mit dem Teilgebiet Ernährung und Nahrungszubereitung. Genau in diesem Fach sieht sie Potential für die VKL und bereits nach den ersten Wochen ist der Erfolg sichtbar. Die Schüler, die sonst in einem Klassenzimmer der Gottlieb-Rühle-Schule untergebracht sind, dürfen donnerstags für zwei Stunden in die nahezu neue Schulküche im ISG. „Die Schüler lernen Deutsch währenddessen sie gemeinsam kochen und essen, weil man beides wunderbar verbinden kann“, so Nill. Und gehört es nicht auch dazu, die Speisen eines Landes kennenzulernen, dessen Sprache man erlernen soll? Mit Feuereifer und einer unglaublichen Motivation werden nicht nur die Wörter für Obst- und Gemüsesorten sowie für allerlei Gerätschaften des Kücheninventars gelernt, sondern auch geschnitten, gerührt und natürlich gegessen. „Wir lachen außerdem ganz viel, weil die Kommunikation mit Händen und Füßen, und diese bleibt oft nicht aus, so lustig ist und selten auch zu wirklich witzigen Missverständnissen führt“, berichtet Nill aus ihrem Unterricht.

Kochen VKL 1
Nicht nur für die Schüler ist diese Doppelstunde das Highlight der Woche, auch Nill freut sich bereits mittwochs beim Lebensmitteleinkauf auf „ihre“ VKL. Abschließend beurteilt Nill das Unterrichten in der VKL folgendermaßen: „Man gibt und investiert sehr viel aber es kommt von den Kindern ungemein viel zurück. Die Lernerfolge sind schneller und deutlicher sichtbar als in Regelklassen und die kleine Lerngruppe ermöglicht einen sehr engen Draht zu jedem Einzelnen“. Mit Hausaufgaben geht jede Partei am Donnerstag nach Hause. Aufgabe der Schüler ist es, die neuen deutschen Wörter zu lernen und Nill bekommt stets kleine Zettelchen mit kroatischen, rumänischen, italienischen oder polnischen Wörtern zugesteckt. Für sie ist es ein Stück Wertschätzung auch Wörter ihrer Sprache zu erlernen. „Welcher Lehrer kann schon „Apfel“ und „Guten Appetit“ in 6 Sprachen sprechen?“, schmunzelt Nill mit einem kleinen Augenzwinkern.